Montag, 19. Mai 2014

[Lesedeal] "Liebe auf Reisen" von Martina Gercke

Einen weiterer Lesedeal konnte ich für euch an Land ziehen und zwar "Liebe auf Reisen" von Martina Gercke. Voraussichtlich am Donnerstag den 22.5 soll das eBook erscheinen.
Hier kommt für euch nun der Deal:




5. Finnley Jones

London tauchte langsam am Horizont auf. Ganz anders als New York, dessen Hochhäuser die Skyline der Stadt prägten, schien ihr London durch Wasser dominiert zu sein. Die Flussarme der Themse durchzogen das Stadtbild wie die Arme eines riesigen Kraken.
 Nach Abschluss der Schule waren die meisten von Kates Klassenkameraden für einen einjährigen Aufenthalt nach Europa geflogen. Die alten Städte Paris, Rom und London waren die bevorzugten Ziele gewesen. Man wollte auf den Spuren der Antike wandeln und dabei den europäischen Lifestyle in sich aufsaugen.
Kate hatte nie den Wunsch verspürt, ins Ausland zu gehen. Sie war lieber bei ihrer Familie geblieben. Sie lachte bitter auf bei dem Gedanken. Und nun saß sie hier in einem Flugzeug, das in den nächsten zwanzig Minuten am Flughafen Heathrow landen würde.
Der Pilot vollzog eine Kurve, und das Flugzeug legte sich nach links. Unterhalb der Tragfläche konnte Kate die Tower Bridge und das House of Parliament erkennen. Ihrem Magen allerdings schien das Flugmanöver nicht so gut zu bekommen. Eine leichte Übelkeit machte sich bemerkbar. Kein Wunder!
Sie hatte auf das Abendessen verzichtet, welches ihr die Stewardess mit übertriebener Freundlichkeit angeboten hatte, und stattdessen einen Rotwein getrunken, um die aufkommende Panik zu bekämpfen. Sie litt an Flugangst, und der Gedanke, für die nächsten Stunden in einer Röhre zu sitzen, unter ihr nichts als Wasser, hatten ihr den Rest gegeben. Im Laufe des Fluges waren noch weitere Gläser hinzugekommen, bis sich endlich die ersehnte Müdigkeit eingestellt hatte. Nach einem kurzen, unruhigen Schlaf war Kate total zerknittert aufgewacht. Da zu diesem Zeitpunkt noch mindestens zwei Stunden Flugzeit vor ihr lagen, hatte sie kurz entschlossen dort weitergemacht, wo sie aufgehört hatte, nämlich mit einem Glas Rotwein.
Sie ließ ihren Kopf zurück in den Sitz sinken und schloss die Augen. Sie dachte an Julie, die völlig euphorisch reagiert hatte, als sie ihr am Telefon von ihrem Job in London erzählt hatte.
„Ich beneide dich, weißt du?“
„Wieso denn das?“
„Da drüben gibt es die Queen, Prinz Harry und Prinz William ...“
Julie hatte schon immer ein Faible für die britische Monarchie. Die Queen hatte in ihren Augen einen Gott ähnlichen Status, und, als Prinzessin Diana starb, trug Julie wochenlang nur Schwarz als Zeichen ihres Mitgefühls und ihrer Verbundenheit. Als Prinz William heiratete, herrschte bei ihr zu Hause der Ausnahmezustand. Die ganze Wohnung war mit Rosenblättern ausgelegt, und Julie saß in ihrem Abschlussballkleid und weinte sich vor dem Fernseher die Augen aus. Eine ergreifende Nacht, die ihnen beiden ewig im Gedächtnis bleiben würde.
„Ja, aber Prinz William ist mit dieser Spinatwachtel Kate verheiratet, und Prinz Harry ist mir zu jung und zudem auch noch rothaarig.“
„Ach, komm schon! In England legt man noch Wert auf Umgangsformen. Da halten dir die Männer noch die Tür auf und laden dich im Pub auf einen Drink ein. Engländer sind so schöne Männer“, schwärmte Julie weiter. „Und dann die alten Schlösser und wunderschönen Gärten. Aber das Größte ist doch die Sprache ... alleine schon, wenn ein Engländer ,Wie geht es Ihnen?‘ sagt, könnte ich einen Orgasmus bekommen. Ach, wie ich dich beneide!“
„Hey, warum fliegst du nicht nach England, wenn es da drüben so toll ist, wie du behauptest?“
„Weil ich hier einen Job habe – und außerdem wäre John nicht gerade begeistert.“
„John? Ist das der Oberarzt, von dem du letzte Woche gesprochen hast?“
„Ja, könnte schon sein. Warum fragst du?“
„Ich dachte, der sei so doof?!“
„Doof vielleicht, aber der absolute Hammer im Bett. Der Mann kann Tricks, davon träumst du nur ...“
„Bitte, Julie, verschone mich mit den Details.“
„Spießer.“
„Blödmann.“
„Ich leg dann mal auf.“
„Okay.“
„Hab dich lieb.“
„Ich dich auch.“
Kate hatte Julie versprechen müssen, sich sofort nach ihrer Ankunft in Bibury zu melden.
Bibury, das klang nach Pferdemist, Landeier und fehlendem Sinn für alles, was ihr wichtig war. Als Robert ihr das Angebot gemacht hatte, hatte er vergessen zu erwähnen, dass der Auftraggeber nicht direkt in London suchte, sondern lieber in diesem Kaff, bewohnt von Viehzüchtern und Bauern, ein Haus besitzen wollte.
Zum hundertsten Mal stellte Kate sich die gleiche Frage. Warum hatte sie sich ausgerechnet in einen Mann wie Greg verlieben müssen? Es gab Hunderte Singlemänner in New York, und sie fiel auf den größten Idioten von allen rein.
Mit einem lauten Ruck fuhr der Pilot das Fahrwerk aus. Kate krallte instinktiv ihre Finger in die Sitzlehne und starrte angestrengt nach vorne in Richtung Flugzeugküche, wo die beiden Stewardessen auf ihren Sitzen saßen und sich angeregt miteinander unterhielten, während der Pilot zum Landeanflug ansetzte. Das Flugzeug sackte ab, und Kates Magen ging für den Bruchteil einer Sekunde in den schwerelosen Zustand über. Blieb nur zu hoffen, dass der Rotwein die Bewegung nicht nachahmen würde, ansonsten hätte sie ein Problem. Hektisch sah sie sich nach einer Spucktüte um. Die Turbinen des Flugzeuges jaulten laut auf. Die Stewardessen schien das nicht weiter zu interessieren, denn Kate konnte hören, wie die Braunhaarige von ihrem neuen Freund schwärmte. Gerade erzählte sie stolz, er habe gesagt, sie sei die schönste Frau, die er jemals in seinem Leben getroffen habe.
 Kate sah aus dem Fenster. Die Dächer Londons lagen zum Greifen nah unter ihr. Wo war nur die verdammte Landebahn? Bei ihrem Glück in den letzten Wochen war zu befürchten, dass der Pilot zwar erfolgreich den Weg über den Atlantik gefunden hatte, aber nicht den richtigen Flughafen.
Sekunden später setzte das Flugzeug auf englischem Hoheitsgebiet auf.
Während der Rest der Passagiere zum Ausgang drängte, sortierte Kate in Seelenruhe erst einmal ihr Handgepäck. Ihr war leicht schwindelig. Vielleicht war die Idee, zum Frühstück einen Rotwein zu trinken, doch nicht so brillant gewesen wie gedacht.
Sie hatte vorsorglich einen kleinen Ziehtrolley mitgenommen, um darin das Notwendigste wie Laptop, Kamera und Papiere zu verstauen. In ihrer Handtasche führte sie die Reiseunterlagen, ihren Moleskin und ihr kleines Make-up-Täschchen mit, ohne das sie nie aus dem Haus ging. Sie steckte sich noch schnell die Vogue und die Elle ein, damit sie auf der langen Zugfahrt nach Bibury etwas zu lesen hatte. Als Kate beim Aussteigen die braunhaarige Stewardess passierte, blieb sie kurz stehen.
„Danke, dass Sie so liebenswürdig waren, uns alle an Ihrem Liebesleben teilhaben zu lassen, anstatt sich auf die Sicherheit dieses Fluges und seiner Passagiere zu konzentrieren. Deshalb will ich Ihnen noch einen gut gemeinten Rat geben. Wenn ein Mann sagt, Sie wären die tollste Frau in seinem Leben, dann will er nur eins – Sie ins Bett kriegen! Und der Idiot, den Sie da kennengelernt haben, scheint mir ein Spezialist darin zu sein.“
Sie drehte sich um und ließ die völlig verdutzte Flugbegleiterin stehen. Kate hatte das allerdings irgendwie gutgetan.
Heathrow war ein Flughafen wie jeder andere auch, mit meterlangen Schlangen vor den Schaltern der Einreisebehörde. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie endlich alle Formalitäten erledigt hatte. Jetzt stand sie am Kofferband und sah zu, wie ein Mitreisender nach dem anderen seinen Koffer vom Band zog und hinter der Zollkontrolle verschwand. Sie war hundemüde und schlecht gelaunt. Der Mann neben ihr zerrte seinen Koffer vom Band – der letzte. Ihrer fehlte – natürlich. Das musste ja passieren.
Die Anzeige über dem Band wechselte und zeigte bereits den nachfolgenden Flug an. Kate runzelte die Stirn und sah sich in der Gepäckhalle um. Weit und breit kein Angestellter der Fluggesellschaft. Missmutig durchquerte sie die Halle, bis sie ein Hinweisschild vom Lost and Found-Büro entdeckte.
 Ihr Magen knurrte lautstark, und ihre Füße schmerzten, als sie vor den Tisch der Flughafenangestellten trat.
 Die Angestellte legte ihr Handy beiseite und nahm Kates Ticket und den Gepäckabschnitt mit gelangweilter Miene entgegen. Nachdem sie Kate einen Blöde-Ausländer-Blick zugeworfen hatte, fing sie in Zeitlupe an, die Daten in den Computer einzutippen.
Wenn die so weitermacht, werde ich meinen Anschlusszug nach Kemble Station verpassen.
„Wann denken Sie, dass ich meinen Koffer wiederbekomme?“, fragte Kate mit dem letzten Rest an Höflichkeit, der ihr geblieben war.
„Pardon?“ Die Frau sah sie mit hochgezogener Augenbraue an.
„Ich wollte wissen, ob Sie mir eine genaue Uhrzeit nennen können, wann mein Koffer hier eintrifft?“
Die Frau warf einen kurzen Blick auf ihren Computer. „Wenn es gut läuft, müsste der Koffer übermorgen hier sein.“
„Übermorgen?“ Kate schnappte nach Luft. „Aber das geht nicht ... ich habe alle meine Sachen in dem Koffer. Meine Kleidung, meine Unterwäsche, mein Buch ... mein Leben.“
„Well, Madam, dann müssen Sie wohl ohne Ihr Leben klarkommen oder sich ein neues kaufen“, sagte die Angestellte mit süffisantem Unterton, ohne Kate dabei anzublicken.
Kate standen die Tränen in den Augen. Das Wort „Neuanfang“ schien sie zu verfolgen, seit sie bei Cooper Real Estate gefeuert worden war. Alles, was sie im Augenblick wollte, war eine heiße Dusche, ihren Pyjama und ein Bett!
„An welche Adresse sollen wir den Koffer schicken?“, fuhr die Angestellte ungerührt fort und klimperte auf ihrer Tastatur herum.
Kate legte den Trolley aus der Hand und kramte in ihrer Handtasche, bis sie ihren Moleskin hervorzog. Sie war so müde, dass die Zeilen vor ihren Augen verschwammen.
„Das Hotel Swan in Bibury.“
„Bibury?“ Die Angestellte runzelte nachdenklich die Stirn, plötzlich erhellte sich ihre Miene. „Ach herrje, das ist doch dieser bezaubernde kleine Ort in den Cotwolds.“
Die Frau warf einen Blick auf ihren Computer. „Allerdings bedeutet das, dass Sie Ihren Koffer frühestens in drei Tagen bekommen.“
„Erst in drei Tagen?“, rief Kate hysterisch. „Was soll ich denn so lange ohne meine Sachen machen?“
„Wie ich schon sagte: Kaufen Sie sich eben neue.“
„Und wer übernimmt die Kosten dafür, schließlich ist es nicht meine Schuld, dass der Koffer weg ist?“
„Wir jedenfalls nicht. Der Transport des Koffers liegt in der Verantwortlichkeit der Flughafengesellschaft. Aber ich kann Ihnen gerne eines unserer Overnight Kits anbieten“, schlug die Angestellte in einem fröhlichen Tonfall vor.
„Overnight Kit?“ Kate schüttelte verständnislos den Kopf.
„Einen Moment, bitte.“ Die Angestellte verschwand hinter einer Tür, um Minuten später mit einem kleinen Täschchen in der Hand wieder aufzutauchen.
„Sie haben Glück, wir hatten noch genau eines auf Lager.“ Sie reichte Kate das kleine, graue Täschchen. „Ein Geschenk der Fluggesellschaft, damit Sie die erste Zeit über die Runden kommen.“ Die Angestellte machte dabei ein Gesicht, als hätte sie Kate gerade den Oscar überreicht.
Kate drehte das Täschchen nachdenklich in der Hand. Seiner Größe nach zu urteilen, befanden sich bestenfalls eine Zahnbürste und ein Paar Socken darin.
„Gut, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Die Frau wendete sich ab. Für sie war das Gespräch offensichtlich beendet.
„Ihnen auch“, brummte Kate und schwankte müde nach draußen.

Nachdem Kate den Zoll passiert hatte, warf sie einen Blick auf ihre Uhr und dann auf den Fahrplan in ihrer Hand. Dank des verschwundenen Koffers hatte sie eine halbe Stunde verloren. Wenn sie den Zug nach Paddington noch bekommen wollte, musste sie sich beeilen. Hektisch folgte sie der Beschilderung. Einziger Vorteil des verlorenen Koffers war, dass sie, nur mit Handtasche und Ziehtrolley bewaffnet, schneller vorankam.
Trotzdem war sie völlig außer Atem, als sie zehn Minuten später das Gleis erreichte, wo ihr Zug bereits wartete. Laut Internet sollte die Fahrt nach Paddington knapp fünfzehn Minuten dauern. Von dort aus musste sie den Zug nach Kemble Station nehmen und weitere zweieinhalb Stunden fahren, um in Kemble erneut in einen Bummelzug nach Bibury umzusteigen. Während Kate im Eiltempo den Bahnsteig entlang hechtete, presste sie die Lippen zusammen. Diese ganze Idee, so verlockend sie ihr am Anfang auch erschienen war, verlor mehr und mehr an Reiz.
Nachdem sie eine freie Sitzreihe entdeckt hatte, ließ sie sich erschöpft fallen. Ihr Gepäck hatte sie zuvor in der Ablage oberhalb der Sitze verstaut. Der Zug fuhr mit einem Ruck los.
Ihre Füße taten mittlerweile empfindlich weh, und so streifte sie die Pumps ab und legte die Beine nach oben. Augenblicklich fühlte sie sich besser. Um die Zeit bis zu ihrer Ankunft zu überbrücken und sich wach zu halten, blätterte sie in dem kleinen Reiseführer, den sie noch schnell am Flughafen erstanden hatte.
Bibury wurde dort immerhin mit einer Seite erwähnt. Die Bilder zeigten eine geradezu idyllische Landschaft mit kleinen honigfarbenen Steinhäuschen, die entlang eines kleinen Flusses standen. Überrascht las Kate, dass Bibury kurzfristig zu Ruhm gekommen war, als der Regisseur Matthew Vaughan den kleinen malerischen Ort als Kulisse für seinen Film Sternenwanderer verwendet hatte. Ansonsten war der Ort für seine Schaf- und Forellenzucht bekannt. Kate war es unbegreiflich, wie jemand freiwillig in einen kleinen Ort wie Bibury ziehen wollte.
Ihr Auftraggeber Michael Fairbanks war ein bekannter englischer Regisseur, der für sich und seine Familie eine Zuflucht in diesem Ort suchte, um den Paparazzi zu entkommen und sich so ein paar Wochen der Ruhe zu erkaufen. Seine Ansprüche waren hoch, und Kate zweifelte, dass sie in einem Dorf wie Bibury etwas Geeignetes finden würde.
Seufzend klappte sie den Reiseführer zusammen. Ein Pärchen näherte sich dem Abteil und steuerte geradewegs auf Kate zu. Hastig beugte sich Kate nach vorne und legte ihre Tasche auf die freien Sitze gegenüber. Sie wollte alleine bleiben und nicht einem verliebten Pärchen beim Knutschen zusehen. Sie lehnte sich zurück und tat, als würde sie schlafen. Unter den halb geöffneten Augen beobachtete sie, wie das Pärchen einen enttäuschen Blick auf die Bank warf, wo der Reiseführer und ihre Tasche lagen. Achselzuckend zog das Paar weiter.
Als der Zug kurze Zeit später in Paddington einfuhr, konnte sie vor Müdigkeit kaum noch die Augen aufhalten. Wie in Trance stieg sie aus und wankte zum gegenüberliegenden Gleis, auf dem der Zug nach Kemble Station bereits wartete.
Zu ihrer großen Erleichterung war auch dieser Zug nicht voll. Es dauerte nicht lange, bis sie ein leeres Abteil entdeckt hatte. Erschöpft setzte sie sich auf den Platz am Fenster. So konnte sie wenigstens ihren Kopf während der Fahrt anlehnen und ein bisschen dösen, bis sie endlich in Kemble ankommen würde. Ihre Beine fühlten sich an, als hätten sie die Ausmaße eines Elefanten angenommen, und ihre Zehen waren taub. Wahrscheinlich waren sie längst abgestorben.
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung und fuhr ratternd aus dem Bahnhof. Kate streifte die Pumps von den Füßen und legte die Beine seitlich neben sich auf den Nachbarsitz. Nur mal kurz die Augen schließen, war ihr letzter Gedanke, dann umgab sie wohlige Dunkelheit.

Ein kräftiger Ruck weckte sie. Verwirrt schlug sie die Augen auf und wusste für einen Moment nicht, wo sie war. Alles um sie herum war etwas verschwommen, so viel jedoch konnte sie erkennen – ihr gegenüber saß ein Mann. Ein äußerst attraktives Exemplar seiner Gattung.
Der Mann war groß, gut gebaut und mit breiten Schultern, wie sie nur jemand besaß, der sein Leben lang Sport getrieben hatte. Seine dunklen Haare trug er ungewöhnlich lang, sie reichten ihm knapp bis auf die Schultern. Er trug einen gepflegten Dreitagebart, der seine markanten Gesichtszüge unterstrich. Seine Kleidung war sportlich leger: T-Shirt und Jeans. Seine Füße steckten in Chucks. Er lächelte sie an.
Blinzelnd fuhr sich Kate mit der Hand durch die Haare und richtete sich aus ihrer Position auf. Jeder Knochen tat ihr weh, und ihre rechte Pohälfte war eingeschlafen. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte sich den Po massiert, aber angesichts ihres Gegenübers verzichtete sie darauf und verlagerte stattdessen ihr Gewicht auf die andere Seite, in der Hoffnung, das tote Fleisch so wieder zum Leben zu erwecken. Langsam kam das Gefühl zurück und mit ihm Tausende von Ameisen, die es sich dort bequem zu machen schienen. Sie verzog das Gesicht.
Der Fremde lächelte noch immer, ohne die Augen von ihr abzuwenden, was Kate etwas verunsicherte. Sie mochte es nicht besonders, wenn man sie anstarrte – vor allem nicht, wenn jemand es so unverfroren tat wie ihr Gegenüber. Kurz entschlossen entschied sie sich für die Vorwärtstaktik, um den lästigen Beobachter loszuwerden.
„Hat das einen bestimmten Grund, dass Sie mich so anstarren, oder handelt es sich dabei um einen Sehfehler?“ Zugegebenermaßen war diese Ansage nicht gerade freundlich, aber Kate war immer noch hundemüde.
„Kein Sehfehler, aber Sie haben da was.“
Seine Augen wanderten von ihrem Oberkörper langsam zu ihrem Gesicht. Ihr wurde ganz heiß unter seinem eindringlichen Blick. Der Mann sah einfach unverschämt gut aus, und er schien sich dessen durchaus bewusst zu sein.
Kate hielt sich für eine selbstsichere Frau, aber bei einem so attraktiven Mann wie ihrem Sitznachbar litt ihre Selbstsicherheit für gewöhnlich, und sie benahm sich wie ein Trottel. Leider bildete diese Begegnung keine Ausnahme.
„Was? Wo?“, fragte Kate verwirrt und schaute suchend an sich herunter.
„Da!“ Er deutete mit seinem Finger auf ihr Kinn.
Irritiert fuhr sie sich mit der Hand an die Stelle, und im gleichen Moment wusste sie, warum der Mann so gelächelt hatte! Er lachte über sie!
Flammende Röte überzog ihr Gesicht bei dem Gedanken, dass eine Sabberspur im Schlaf über ihr Kinn gelaufen war und er sie dabei beobachtet hatte.
„Machen Sie sich keine Gedanken, das passiert Frauen ständig, wenn sie mich sehen.“ Seine Stimme klang melodisch mit einem leichten Akzent darin.
Was sicher als Scherz gemeint war, klang in Kates Ohren wie Ironie. Ihre Gesichtsfarbe wechselte von Hellrot auf Dunkelrot. Dieser Mann hatte entweder einen schrägen Humor oder ein geradezu unverschämtes Selbstbewusstsein. Die Mundwinkel des Fremden zuckten verdächtig, während er sie dabei beobachtete, wie sie hektisch in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch kramte. Verdammt! Keins zu finden.
 „Ich muss wohl eingeschlafen sein“, murmelte sie mehr zu sich selbst.
„Das habe ich gesehen“, erwiderte der Mann trocken. „Suchen Sie so was?“ Er hielt ihr ein sorgfältig gefaltetes Stofftaschentuch entgegen.
Sie nahm es und wischte sich damit über das Kinn. Ein leichter Hauch von Zedern und Gras stieg ihr dabei in die Nase. Sie reichte ihm das Tuch zurück.
„Mhm“, brummte der Fremde, der tiefe Falten über der Nasenwurzel und um die Augen hatte. „Behalten Sie es ruhig.“
Sie zögerte einen Moment, dann steckte sie das Tuch in ihre Tasche. „Danke.“
„Sie sind Amerikanerin.“ Das war eine Feststellung und keine Frage.
„Woran haben Sie das erkannt?“ Es war ja nicht gerade so, dass sie die Union Flag auf der Stirn tätowiert hatte.
„Ihr Akzent hat Sie verraten“, lächelte der Mann.
„Ich bin heute Morgen erst aus New York gekommen und habe kaum geschlafen“, plapperte sie. Eine Art Reflex. Etwas, was sie sich angewöhnt hatte, um ihre Unsicherheit zu überspielen. „Ich kann in Flugzeugen nicht besonders gut schlafen.“
„Dafür in Zügen umso besser, scheint mir.“
Sein Lächeln war faszinierend, verlegen senkte Kate den Kopf. „Eigentlich nicht, aber die lange Anreise macht mir zu schaffen. Ich habe das Gefühl, ich bin schon seit Tagen unterwegs. Kommen Sie aus London?“
„Nein.“ Er schüttelte leicht den Kopf und schwieg. Sein verkniffener Mund signalisierte deutlich, dass er nicht bereit war, mit ihr über den Grund seiner Reise zu sprechen.
„Ich bin geschäftlich unterwegs nach Bibury.“
„Aha!“, sagte der Fremde. Allerdings klang es mehr wie das Knurren eines Hundes.
Kate beschloss, lieber den Mund zu halten. Anscheinend hatte der Typ wenig Interesse daran, mit ihr zu reden. Sie nahm die Beine vom Sitz und glitt mit den Füßen in die Pumps. Sofort setzte der Schmerz in den Zehen wieder ein. Warum hatte sie nur unbedingt die Pumps anziehen wollen, anstatt bequeme Schuhe auf der Reise zu tragen?
Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und starrte nach draußen. Seit sie Paddington verlassen hatten, hatte sich die Landschaft stark verändert. Sanfte Hügel wechselten sich mit grünen Weideflächen ab, auf denen Schafe und Kühe gemütlich grasten. Ein Labyrinth aus Steinmauern grenzte die Felder voneinander ab. Dicke Wolken hingen schwer und dunkel am Himmel und wurden nur gelegentlich durch blaue Fetzen unterbrochen. In der Ferne tauchten langsam die Umrisse eines größeren Ortes auf.
Kate warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Der Mann hatte die Augen geschlossen und lehnte mit dem Kopf gegen das Fenster. Meine Güte, der Typ hat ja Wimpern, die jede Frau vor Neid erblassen lassen. Lang, dicht und schwarz wie die Nacht. Wäre er eine Frau, sie hätte ihn sofort nach der Marke seiner Wimperntusche gefragt. Sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Kate ging davon aus, dass er schlief. Wenigstens hatte sie ihre Ruhe.
Kate war in ihrem Leben schon mehrfach Männern wie ihrem Gegenüber begegnet. Sie besaßen ein geradezu unerschütterliches Selbstbewusstsein und sahen sich selbst als ein Geschenk Gottes an die Frauen an. Manchmal wünschte sie sich, sie hätte ein ähnliches Verhältnis zu ihrem Körper. Kate hätte spontan einige Stellen ihres Körpers benennen können, die ihr nicht gefielen. Wenn sie genau darüber nachdachte, fand sie nur ihre Augen und ihre Haare schön. Deshalb achtete sie nach einer gemeinsamen Nacht mit einem Mann peinlich darauf, unvorteilhafte Körperstellen bedeckt zu halten, wenn sie durch die Wohnung ging. Was im Klartext bedeutete, dass sie meist in Bettlaken gehüllt ins Badezimmer huschte und sich schnellstmöglich etwas Angemessenes überzog. Greg hatte ihr zwar mehrfach versichert, wie schön er sie nackt fände, aber Kate hatte ihm nicht geglaubt. Wenn Männer eine Frau im Bett hatten, war ihnen ihrer Ansicht nach sowieso alles egal.
Der Zug fuhr in den Bahnhof von Kemble ein. Kate stand, immer noch etwas benommen, auf. Sie reckte sich, um ihren Ziehtrolley aus dem Ablagefach zu ziehen, was ihr jedoch nicht gelang. Der Koffer hatte sich irgendwie in dem Fach verkeilt. Jedenfalls bewegte er sich keinen Millimeter, so sehr sie auch daran zog. Sie stemmte sich mit den Füßen gegen den Sitz und zog mit aller Gewalt an dem Griff. Mit einem Ruck gab der Koffer nach und flog in hohem Bogen auf den Fußboden. Kate kam dabei ins Straucheln, verlor das Gleichgewicht, und, ehe sie es verhindern konnte, landete sie auf dem Schoss ihres Gegenübers.
„Hoppla!“
Kräftige Arme umklammerten Kate und raubten ihr fast die Luft. Hektisch sah sie ihn an. Er hatte leuchtend grüne Augen und einen Mund zum Niederknien, wäre da nicht dieses freche Lachen gewesen, mit dem er sie ansah.
„Entschuldigung“, stammelte Kate entrüstet. Ihr Blick fiel auf ihren Koffer. Durch den Sturz war das Schloss aufgegangen, und alle ihre persönlichen Sachen lagen verstreut auf dem Boden des Zugabteils. „Ich habe das Gleichgewicht verloren.“
„Und ich dachte, Sie wollten etwas von mir.“ Er zwinkerte ihr zu. Seine Arme hielten sie noch immer fest umklammert.
„Unverschämtheit!“, schimpfte Kate und versuchte, sich aus den muskulösen Armen des Mannes zu befreien.
„Meinen Sie mich oder sich selbst?“ Seine Augen blitzten vergnügt.
„Hätten Sie wohl die Güte, mich loszulassen?“, forderte Kate spitzzüngig.
„Sie haben es so gewollt“, sagte der Mann und lockerte augenblicklich seinen Griff.
Genau in diesem Moment stoppte der Zug, und es gab einen Ruck, was dazu führte, dass Kate erneut rückwärts fiel. Reflexartig schossen die Arme des Unbekannten nach vorne, und seine Hände landeten mitten auf ihren Brüsten, wo sie liegen blieben. Kate schnappte überrascht nach Luft.
„Hände weg!“, kreischte sie hysterisch.
Sofort ließ der Mann sie los, und Kate kippte nach vorne weg, kopfüber auf ihren Sitz.
Ein amüsiertes Lachen folgte, während sich Kate aus ihrer misslichen Lage zu befreien versuchte. Ihr Rock war bei dem Sturz hochgerutscht und gab den Blick auf ihre Stützstrumpfhose frei, die sie extra für den langen Flug angezogen hatte. Ein fleischfarbenes Monstrum, das seinen Zweck erfüllte, aber auf keinen Fall in all seiner Pracht für die Augen der Öffentlichkeit und schon gar nicht für die eines Mannes bestimmt war. Unwirsch zerrte Kate an ihrem Rock, wobei der Fremde ihr immer noch lachend zusah.
„Sie finden das wohl witzig?“, zischte Kate den Mann an.
„Irgendwie schon“, gab der Unbekannte freimütig zu. „So was ...“ Er deutete auf ihre Spezialstrumpfhose. „… bekommt man schließlich nicht alle Tage zu sehen.“
„Sie ... Sie ...“
Kate schnappte nach Luft. „Sie ungehobelter Idiot!“, schimpfte sie schließlich. „Sie sollten sich schämen.“
„Weil ich einer attraktiven Frau dabei zusehe, wie sie sich vor mir auszieht ...?“ Er zuckte lässig mit den Schultern. „Jeder normale Mann würde dies tun, außer er ist schwul.“
„Ich habe mich nicht ausgezogen!“, schnaubte Kate und bückte sich, um ihre Sachen vom Boden aufzuheben.
„Hier“, der Unbekannte reichte ihr das Deo.
Wortlos riss sie ihm die Flasche aus der Hand. Dann stopfte sie die restlichen Sachen in den Koffer. Der Fremde blieb ungerührt sitzen. Nachdem sie das letzte Teil verstaut hatte, schnappte sich Kate ihre Jacke und stürmte, ohne den Mann auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, aus dem Abteil. Immer noch wütend und erschöpft, strauchelte Kate zum Busbahnhof, wo der Bus bereits wartete.
Sie war jetzt seit knapp sechsundzwanzig Stunden auf den Beinen und konnte ihre Augen kaum noch vor Müdigkeit aufhalten. Das kurze Schläfchen im Zug hatte daran nichts geändert. Der Gedanke an ein weiches Bett erschien ihr mit jedem Meter, den sie sich Bibury näherte, verlockender zu werden. Sie hatte ein Zimmer im besten Hotel vor Ort reserviert. Der Internetauftritt des Hotel Swan war vielversprechend und die Lage zentral. Das Hotel war geradezu ideal, um sich mit potenziellen Verkäufern zu treffen. Jetzt wollte sie allerdings nur noch eines – schlafen.
Sie löste ein Ticket und schlängelte sich vorbei an den anderen Reisenden bis zum hinteren Teil des Busses, wo sie noch eine freie Bank entdeckte. Sie verstaute den Trolley in dem Ablagefach über den Sitzen, dann ließ sie sich am Fenster nieder.
Mit einem lauten Zischen schloss sich die Tür, und der Bus setzte sich in Bewegung. Kate lehnte sich völlig erschöpft auf ihrem Platz zurück, und gleich fielen ihre Augen zu. Im Hintergrund unterhielten sich ein paar Frauen über ihre Kinder, und von irgendwo hörte sie leise Musik.
„Ist hier noch frei?“, holte sie eine Frauenstimme aus dem Dämmerschlaf.
Verwirrt öffnete Kate die Augen. Eine junge Frau in ihrem Alter stand vor ihr. Sie trug schwarze Leggins und eine weiße Bluse, unter der sich deutlich ein Schwangerschaftsbauch abzeichnete. Sie hatte dunkelrotes, lockiges Haar und leuchtend blaue Augen. Auf ihrem herzförmigen Gesicht lag ein sympathisches Lächeln.
„Natürlich“, nickte Kate und rutschte etwas dichter an das Fenster, sodass die Frau genügend Platz hatte. Sie war froh, dass es eine Frau und nicht dieser ungehobelte Kerl von vorhin war.
„Danke“, sagte die Frau und setzte sich etwas schwerfällig. „Ich bin übrigens Maggie. Maggie O’Conner.“
„Kate Miller.“ Sie gaben einander die Hand.
„Sind Sie zu Besuch in Bibury?“ Maggie musterte sie interessiert.
„Eigentlich nicht. Ich bin geschäftlich unterwegs.“ Kate unterdrückte nur mit Mühe ein Gähnen. „Entschuldigen Sie, aber ich bin schon seit einer gefühlten Ewigkeit unterwegs. Ich bin heute Morgen mit dem Flugzeug angekommen, und die Fahrt hierher war lang.“
Maggie lachte. „Ja, das stimmt. London ist ein ganzes Stückchen weg, und die Verbindungen nach Bibury sind eine einzige Katastrophe. Aber Sie werden sehen, dass sich der Weg lohnt. Wenn Sie erst einmal da sind, werden Sie nicht wieder zurück wollen. Bei uns herrscht nicht so ein Trubel wie in der Großstadt. Nach ein paar Tagen sind Sie so gut wie neu.“
In Kates Ohren klang das nach Kuhmist und Langeweile pur.
„Das klingt gut“, sagte sie aber höflich. In ihrem Beruf waren Notlügen wie das Salz in der Suppe. Manchmal musste man die Wahrheit schönreden, um ans Ziel zu kommen oder einen guten Umgangston zu pflegen. Keiner wollte schließlich auf die Frage, ob man zugenommen hätte, die volle Wahrheit hören. Stattdessen war es angemessen, mit einem „Vielleicht, wenn man ganz genau hinsieht“ zu antworten.
„Kommen Sie aus der Gegend?“
Die Frau nickte, und ihre dunkelroten Locken hüpften lustig auf und ab. „Ja, meinem Mann und mir gehört eine kleine Farm am Rande von Bibury.“
„Eine Farm?“, fragte Kate erstaunt. Die Frau sah überhaupt nicht aus wie eine Farmerin. Sie hatte feine Hände und war, abgesehen von dem Schwangerschaftsbauch, eher zart gebaut.
„Ja, wir haben ein paar Kühe, und Ben ... Ben ist mein Mann, er hat letztes Jahr ein paar Zuchtschafe gekauft.“ Die blauen Augen der Frau leuchteten vor Begeisterung.
Kate konnte nicht verstehen, wieso sich jemand derart freuen konnte, wenn er von Schafen sprach. Neue Manolo Blahnik Schuhe oder ein neues Kleid würden sie in eine ähnliche Verzückung versetzen, aber Schafe?!
„Sie sagten vorhin, dass Sie mit dem Flugzeug gekommen sind. Darf ich Sie fragen, woher genau?“
„Aus New York“, sagte Kate wehmütig.
„New York!“ Maggie schlug schwärmerisch die Hände zusammen. „Dann sind Sie Amerikanerin?“
„Ja, geboren und aufgewachsen in den USA.“ Kate konnte den Stolz in ihrer Stimme nicht verbergen.
„Deshalb der Akzent. Ich dachte mir schon so etwas.“ Maggie lächelte. „Ben hat mir zu unserer Hochzeit versprochen, dass wir einmal zusammen nach New York fahren, aber im Moment können wir es uns einfach nicht leisten. Und jetzt, wo das Baby bald kommt, haben wir erst einmal genug zu tun.“
Sie legte stolz ihre Hände auf den gerundeten Bauch, und ihr herzförmiges Gesicht leuchtete vor Glück. Mit einem Mal kam Kate die Frau gar nicht mehr so bedauernswert vor, wie noch vor zwei Minuten.
„Herzlichen Glückwunsch. Wann ist es denn so weit?“
„Ende August, wenn alles gut geht.“ Das waren noch etwas über vier Wochen.
Maggie kramte in ihrer Tasche, einem echten Monster, in dem man locker ein halbes Schwein hätte verstecken können.
„Ich war heute erst zur Untersuchung beim Arzt. Wissen Sie, in Bibury gibt es keinen vernünftigen Frauenarzt, und deshalb muss ich immer nach Cirencester in die Klinik fahren. Dort haben sie wenigstens ein vernünftiges Ultraschallgerät“, plapperte Maggie. Endlich schien sie gefunden zu haben, was sie suchte, und streckte Kate ein Schwarz-Weiß-Foto entgegen.
„Hier sehen Sie ...“ Maggie deutete mit dem Zeigefinger auf etwas für Kate Undefinierbares. „Der Doktor sagt, dass sich das Baby ganz prächtig entwickelt.“ Die Frau strich liebevoll über das Foto.
Kate konnte beim Anblick des Fotos nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. Für sie sah das Kind wie ein Wurm mit Armen und Beinen aus, der sich in einer Art Ballon befand.
„Wie süß“, log sie. „Wissen Sie schon, was es wird?“
„Ein Mädchen.“ Maggie strahlte, als ob jemand eine Glühbirne von innen angeknipst hätte.
„Ach, wie schön. Und haben Sie schon einen Namen?“ Kates Müdigkeit war mit einem Mal verschwunden, und sie genoss das Gespräch mit Maggie.
„Nein.“ Maggie schüttelte bedauernd den Kopf. „Immer, wenn ich einen Namen gut finde, dann ist Ben dagegen. Ich persönlich finde ja Katherine schön, aber Ben sagt, er will nicht, dass sein Kind den Namen einer Spinatwachtel trägt, die einmal die Königin von England sein wird.“
Kate musste bei dem Wort „Spinatwachtel“ laut auflachen. Maggies Mann war ihr auf Anhieb sympathisch.
„Wenn Sie ein Mädchen hätten, wie würden Sie es denn nennen?“
Kate überlegte einen kurzen Moment. „Mir gefällt Hope ziemlich gut.“
„Hope? Ein ungewöhnlicher Name, zumindest in England.“ Maggie legte die Stirn in Falten. „Hope O‘Conner klingt gar nicht übel.“
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich werde Ben gleich heute Abend mal fragen, wie ihm der Name gefällt.“
Kate schmunzelte über Maggies offene und natürliche Art.
„Da vorne ist meine Haltestelle“, sagte Maggie und deutete nach draußen. Der Bus steuerte auf einen größeren Platz zu. „Wo müssen Sie denn hin?“
„Ich habe ein Zimmer im Hotel Swan gebucht.“
„Im Swan.“ Maggies Gesicht erhellte sich. „Da haben Sie sich aber etwas wirklich Schönes ausgesucht. Das wird Ihnen gefallen. Das Swan ist das beste Hotel vor Ort, und der Zitronenkuchen, den sie dort servieren, ist geradezu legendär.“
Sie kicherte fröhlich. „Unsere Farm ist nur wenige Autominuten davon entfernt. Wissen Sie was, Kate? Wenn Sie Lust und Zeit haben, würde ich mich freuen, wenn Sie mal bei uns vorbeischauen.“ Maggies Einladung klang aufrichtig.
„Vielen Dank, das ist wirklich nett von Ihnen. Ich kann allerdings nichts versprechen. Mein Zeitplan ist ziemlich eng getaktet.“
„Kein Problem. Vielleicht klappt es trotzdem mal auf eine Tasse Kaffee. Kommen Sie, wann immer Sie wollen. Wenn ich nicht gerade im Stall bin, finden Sie mich im Haus oder irgendwo auf dem Hof.“
„Danke, das ist wirklich lieb von Ihnen.“
„Ach, und lassen Sie sich nicht von Cookie abschrecken.“
„Wer ist Cookie?“
Maggie lachte ihr glockenhelles Lachen. „Cookie ist unser Hund und der eigentliche Herr auf der O’Conner-Farm, auch wenn Ben das nur ungern zugibt. Er macht immer einen Riesenaufstand, wenn ein Fremder zu uns kommt. Aber im Grunde seines Herzens ist Cookie ein ganz lieber Kerl. Am besten, Sie bringen einen Keks oder so mit, damit können Sie sich prima einschmeicheln.“ Maggie zwinkerte ihr zu. „Aber verraten Sie mich nicht.“
Kate schüttelte lachend den Kopf. „Auf keinen Fall, und danke für den Tipp.“ Sie gab es nur ungern zu, aber Hunde waren ihr immer ein bisschen unheimlich.
Der Bus hielt, und Maggie stand schwerfällig aus ihrem Sitz auf. „Die nächste Haltestelle müssen Sie raus. Und wenn Sie uns besuchen wollen, fragen Sie einfach nach der O’Conner-Farm.“
„Vielen Dank noch mal. Ich werde es mir merken.“
Sie verabschiedeten sich, Maggie watschelte zur Tür und stieg aus. Kate sah durch das verschmierte Busfenster. Maggie blieb einen Moment unentschlossen auf dem Fußgängerweg stehen, dann fanden ihre Augen Kate, und sie winkte ihr fröhlich zu. Kate winkte lächelnd zurück, als der Bus losfuhr. Kate warf einen letzten Blick auf die zierliche Gestalt mit dem runden Bauch, dann bog der Bus um die Ecke.
Seufzend betrachtete Kate die verwinkelten Häuser entlang der Straße. Die Backsteine leuchteten goldgelb im Sonnenlicht. Wilder Wein rankte entlang der Fassaden, nur unterbrochen durch die leuchtenden Blüten der Kapuzinerkresse, die sich dazwischenschlängelte. Die meisten Häuser hatten kleine Vorgärten mit alten Bäumen und üppig blühenden Rosenbüschen. Überall waren die kleinen Steinmauern zu finden, die Kate bereits auf dem Weg hierher aufgefallen waren und die die Grundstücke voneinander abgrenzten. Die Dächer der Häuser schimmerten silbern im Licht.
Kate musste bei dem Anblick der schiefen Schornsteine unwillkürlich lächeln. Es würde sie nicht wundern, wenn gleich eine Hexe auf ihrem Besen vorbeigeflogen käme. Das ganze Dorf wirkte, als wäre die Zeit hier stehen geblieben. Kein Wunder, dass man die Häuser und Straßen als Kulisse für einen Film genommen hatte. Kate konnte sich nicht erinnern, jemals ein derart verzaubert anmutendes Dorf gesehen zu haben. New York mit seinen Hochhäusern war zwar imposant, aber real, Bibury mit seinen Gassen und Häusern hingegen wirkte fast unecht, unwirklich. Kate schüttelte den Kopf. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, hier jemals zu leben.
Der Bus fuhr entlang eines kleinen Flusses, auf dem Seerosen ein grünes Mosaik bildeten. Fußgänger machten Fotos von den malerisch angelegten Gärten rechts und links der Straße. Langsam bog der Bus um die Ecke, bis er schließlich laut quietschend und mit einem Ruck zum Stehen kam.
Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein mit Wildem Wein über und über bewachsenes herrschaftliches Haus. Kates Augen flogen über die Fassade, bis sie ein großes Schild entdeckten, auf dem ein See mit einem prächtigen Schwan darauf gemalt war und darunter in feinen Buchstaben The Swan geschrieben stand. Sie gähnte herzhaft. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht.
Sie schnappte sich ihre Tasche und den Koffer und drängte sich nach vorne zur Fahrertür durch. Verwundert stellte sie fest, dass die meisten der Mitreisenden wohl das gleiche Ziel wie sie hatten, denn der Bus leerte sich im Nu.
Als der Bus weiterfuhr, ließ er Kate zusammen mit den anderen Fahrgästen auf der Straße zurück. Die Sonne schien ihr genau ins Gesicht. Schützend hielt sich Kate die Hand vor die Augen und betrachtete blinzelnd die Umgebung.
Das Hotel lag an der kleinen Straße, an die der Fluss grenzte. Links vom Eingang sah sie ein parkähnliches Grundstück mit herrlichen Obstbäumen und Blumen. Rechts entdeckte Kate einen kleinen Innenhof, in dem den Gästen unter gelben Sonnenschirmen Getränke angeboten wurden.
Der Parkplatz vor dem Hotel war voll mit Autos und Motorrädern. Offensichtlich war das Hotel als Ausflugsziel sehr beliebt. Gut, dass sie reserviert hatte. Entschlossenen Schrittes trat Kate durch die Eingangstür.
Die Lobby war geräumig. Alles sah genauso aus wie auf der Internetseite des Hotels: Tapeten mit fliegenden Wildenten in Grau- und Goldtönen empfingen den Besucher. Wandleuchter tauchten den Raum in sanftes Licht, und antike Möbel beherrschten neben wenigen modernen Accessoires das Szenario. Alles wirkte ein wenig gediegen und für Kates Geschmack ein bisschen zu überladen. Trotzdem oder vielleicht genau deshalb strahlte der Raum eine einladende Gemütlichkeit aus.
Sie trat an den Empfangstresen, wo ein älterer Herr sie mit einem freundlichen Lächeln empfing. „Willkommen im Swan. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
Der Mann hinter der Rezeption zwirbelte die Spitzen seines überdimensional großen Schnurrbartes. Seine kleinen Äuglein musterten sie interessiert.
„Guten Tag. Ich habe für die nächsten Tage ein Zimmer bei Ihnen reserviert“, antwortete Kate freundlich. Die Augenbraue des Mannes schnellte nach oben. Er nahm ein großes Buch zur Hand, das vor ihm auf dem Tisch lag.
„Wie war noch mal Ihr werter Name?“
„Kate Miller.“
Der Mann fuhr mit dem Zeigefinger entlang der Seite. „Miller? Miller?“ Er schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, ich kann Sie nicht finden.“
Kate spürte ein leichtes Unbehagen in sich aufsteigen. „Ich habe meine Reservierung ausgedruckt, vielleicht hilft Ihnen das weiter?!“ Sie fing an, in ihrer Tasche zu kramen. „Einen Moment, ich habe sie gleich.“
Der Mann schenkte ihr einen vorwurfsvollen Blick. „Sie würden in diesem Buch stehen, wenn wir eine Reservierung unter Ihrem Namen hätten.“
„Ja, aber ich habe online reserviert.“
Kate zweifelte stark daran, dass dieser Mann auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, wenn es um Computer ging. Wahrscheinlich bediente er zu Hause noch ein Telefon mit Wählscheibe, und einen Computer besaß er sicher nicht.
Kate zog die Reservierung aus ihrem Moleskin hervor und entfaltete sie vor den wachsamen Augen ihres Gegenübers. „Hier ist sie.“ Sie tippte mit dem Finger auf das Papier.
Der Mann runzelte die Stirn und drehte das Blatt in seine Richtung. „Einen Moment, bitte“, sagte er schließlich.
Bevor Kate etwas erwidern konnte, war er im Hinterzimmer verschwunden. Kate gähnte herzhaft und trommelte mit den Fingern auf der Holzplatte. Ihre Geduld war ziemlich am Ende. Erst der lange Flug, dann das Missgeschick mit ihrem Koffer und jetzt auch noch die Reservierung! Alles, was sie wollte, war ein Bett.
Der Hotelangestellte kam mit hochrotem Kopf zurück. Kein gutes Zeichen.
„Tja, Miss Miller, es gibt da ein kleines Problem.“
Kates Magen zog sich bei dem Wort „Problem“ krampfhaft zusammen. Ihr Bedarf an Problemen war eigentlich gedeckt.
 „Was kann es da für ein Problem geben? Ich habe eine Reservierung, und Sie haben Zimmer“, sagte Kate mit sich überschlagender Stimme – ein Zeichen für ihre extreme Übermüdung.
„Genau das ist das Problem“, erwiderte der Mann peinlich berührt. „Wir haben keine Zimmer mehr.“
„Waaas?“ Sie hatte lauter gerufen, als sie wollte. Einige der Gäste drehten sich irritiert zu ihr um. Kate warf ihm einen gereizten Blick zu. Ein stechender Schmerz hinter ihrem Auge kündigte Kopfschmerzen an.
„Aber wie kann das sein? Ich habe doch reserviert.“ Sie deutete noch mal auf das Blatt Papier, das er in der Hand hielt. „Sie haben es selbst gelesen. Es steht dort schwarz auf weiß.“
„Das ist richtig, aber wir hatten um eine Anzahlung gebeten, und die ist nicht bei uns eingegangen. Deshalb haben wir das Zimmer vergeben, das eigentlich für Sie vorgesehen war.“
„Dann geben Sie mir eben ein anderes Zimmer.“ Kate verschränkte bockig die Arme vor der Brust. Alles war so schnell gegangen, dass sie die Anzahlung völlig vergessen hatte.
Der Mann schüttelte bedauernd den Kopf und zwirbelte seinen Bart. „Das würde ich ja gerne tun, aber wir haben kein Zimmer mehr frei. Wir sind völlig ausgebucht.“ Er deutete auf ein Schild vor der Bar. „Der Verband der Schafzüchter hält dieses Wochenende ein großes Meeting in Bibury ab. Alle Hotels sind bis unters Dach belegt.“
Kate schnappte nach Luft. „Hören Sie, ich bin seit knapp achtundzwanzig Stunden unterwegs. Alles, was ich will, ist eine warme Dusche und ein Bett. Ihr blödes … Schafding interessiert mich nicht!“
„Das würde ich Ihnen auch wirklich gerne geben, aber so, wie es aussieht, habe ich kein Zimmer mehr frei“, sagte der Mann, ganz die Liebenswürdigkeit in Person.
„Und was ist mit meiner Reservierung?“ Kate trommelte mit den Fingern auf dem Papier.
„Ist nur gültig mit einer Anzahlung“, sagte er mit dem Ton eines Richters, der ein Todesurteil fällt.
„Und was soll ich jetzt machen?“ Verzweiflung machte sich in ihr breit. Ihr war schwindelig vor Müdigkeit, und es fiel ihr schwer, noch einen klaren Gedanken zu fassen. Am liebsten hätte sie sich auf den Boden gesetzt und wäre nicht mehr aufgestanden.
„Wenn Sie möchten, telefoniere ich kurz und erkundige mich, ob eines der anderen Hotels noch ein Zimmer für Sie hat.“
„Das wäre nett“, seufzte Kate schwach.
„Bitte nehmen Sie doch so lange Platz.“ Er deutete auf ein kleines Sofa in der Nähe des Kamins. „Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.“
Erschöpft und genervt ließ sich Kate auf dem Sofa nieder. Der Mann verschwand erneut im Hinterzimmer. Im Kamin flackerte trotz der warmen Temperaturen ein Feuer, und das Holz knisterte leise. Wehmütig starrte Kate in die Flammen. Sie musste unwillkürlich an Greg denken, dessen Appartement ebenfalls einen Kamin besaß und vor dem sie sich leidenschaftlich geliebt hatten. Das Ganze schien Lichtjahre zurückzuliegen und kam Kate mittlerweile völlig unwirklich vor. Hier, vor dem knisternden Kamin in Bibury, das sie vor ein paar Tage noch nicht gekannt hatte, in einem Hotel, das kein Zimmer für sie hatte, und völlig am Ende ihrer Kräfte wurde Kate mit einem Mal klar, dass ihre Gefühle für Greg überraschend schnell erloschen waren.
Mehrere Hotelgäste betraten gut gelaunt die Eingangshalle und gingen in Richtung Bar. Sehnsüchtig sah ihnen Kate hinterher. Es war bereits spät am Nachmittag, und sie hatte Durst. Viel schlimmer war jedoch das Bedürfnis nach Schlaf. Sie hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Wenn der Kerl nicht gleich wiederkommt und ein Zimmer für mich hat, schlafe ich an Ort und Stelle ein. So viel ist sicher.
„Es gibt gute Nachrichten“, hörte Kate wenige Minuten später. „Ich habe noch ein Zimmer für Sie gefunden.“ Er strahlte bis über beide Ohren.
„Gott sei Dank!“, seufzte Kate erleichtert und unterdrückte ein Gähnen.
„Im Oakwood House gibt es noch freie Zimmer.“ Der Mann räusperte sich. „Das ist zwar nicht ganz der Standard, wie wir ihn im Swan pflegen, aber zum Schlafen dürfte es seine Zwecke erfüllen.“
„Nicht ganz der Standard?“, fragte Kate alarmiert.
Der dickliche Mann spitzte die Lippen.
„Nein, sagen wir es so: Oakwood House bietet Bed and Breakfast in einer einzigartigen Lage.“
„Aha.“ Kate wusste mit der Antwort nichts Rechtes anzufangen, beschloss aber, angesichts der Tatsache, dass sie sowieso keine andere Option hatte, auf weitere Nachfragen zu verzichten. Stattdessen stand sie auf und fragte: „Und wo finde ich das Oakwood House?“
„Sie müssen einfach nur die Straße bis zum Ortsende weitergehen. Dann kommen Sie zu einer kleinen Kreuzung. Dort müssen Sie recht abbiegen und dem kleinen Weg folgen.“
 Kate warf einen Blick auf ihre Pumps. Ein längerer Fußweg würde ihren Füßen den Rest geben. „Ist das weit von hier?“
„Nicht sonderlich. Für eine junge Frau wie Sie sollte das kein Problem sein.“ Er sah sie mit einem Du-bist-ein-verweichlichtes-Stadtkind-Blick an.
„Ein kleiner Spaziergang tut mir nach der langen Reise bestimmt gut.“ Sie war zu stolz, um zuzugeben, dass sie eigentlich keine Lust mehr hatte, auch nur einen Meter zu gehen.
Der Mann nickte zufrieden und reichte ihr ein Blatt Papier. „Ich habe Ihnen die Adresse aufgeschrieben. Sollen wir Sie anrufen, sobald hier ein Zimmer frei ist?“
Kate nickte.
 „Das wäre nett. Gut, dass Sie mich fragen. Mein Koffer ist auf dem Weg von New York nach London verloren gegangen, und man hat mir versichert, dass er morgen oder übermorgen nachgeliefert wird. Ich habe diese Adresse angegeben. Würden Sie mich bitte anrufen, wenn der Koffer da ist?“
„Selbstverständlich“, sagte der Angestellte. „Einen schönen Tag noch.“


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Das schreit förmlich nach meeeeehr. Seid ihr auch schon auf das neue eBook gespannt? Was sagt ihr zum Cover? Also ich finde es total passend.








Kommentare:

  1. Bei dem Cover steigt meine Lust aufs Reisen...einfach mal so weg schon ganz schön!!

    Zudem scheint es was lustiges zu sein..das mag ich immer.

    LG..Karin..

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  2. Das sag ich die liebe Karin, die geschichte ist soooo toll, kann sie jedem nur ans Herz legen. Meine Rezension wird am Tag der Veröffentlichung gleich on gehen =)

    LG Sheena

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